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Unikat

Ina Kitroschat-Vogt

Er war schon immer einzigartig, ein Unikat unter Vielen. Ihn gab es nie zweimal. Alles an ihm wirkte mühelos. Kein Echo begleitete ihn. Sein Klang faszinierte, sein Gang war unbeschreiblich. Das bewunderte ich stets. Dann verschwand er. Tauchte unter. Ward nicht mehr gesehen. Jetzt sah ich viele wie ihn – mit seinen Haaren, seinen Augen, seiner Größe, seiner Stimme, seinem Gang und seinem Gesicht. Aber alle waren anders. Niemand war er. Ich begann ihn zu vermissen. Seine Einmaligkeit zu vermissen. Jetzt gab es alles mehrfach. Seine Haare, seine Augen, seine Größe, seine Stimme, seinen Gang und sein Gesicht. Und ich schrieb ein Gedicht darüber. Doch es machte mich nicht glücklich:

„Er war ein Unikat!
Ihn gab es nie zweifach.
Ich sah ihn noch lang –
Sein Gang, sein Klang, wie er war,
sein Schritt, sein Ton, sein Gesang.“

Ein Wink an die Zukunft

Ina Kitroschat

Goldene Abendröte. Die Schatten der Bäume starren mich an, wie die greifenden Arme dunkler Kreaturen, doch liegt ein Hauch Verzauberung in der Luft. Ich seh in den Himmel und das letzte Blau erinnert an einen milden Tag, einen Tag wie eigentlich immer, ein Stück gestern. Der Morgen sieht schon wieder ganz anders aus… Ich öffne das Fenster um ein wenig duftende Abendluft zu erhaschen, so seicht und kühl, doch sie tut weh…
Ich schaue erneut in den Sonnenuntergang, sehe die goldrote Farbe der Sonne, so pulsierend wie die Liebe, doch ich spüre Schmerz. Angst vor dem großen Wandel… Mutter Natur’s Schoß ist wund gescheuert von der Menschheit, so oft hat sie versucht uns zu lieben und wurde immer wieder verletzt.
Wie töricht wir doch alle sind. Stumpf geht ein alter Herr seiner Wege, verbittert von der Grauheit des Lebens, gezeichnet von Krieg und Elend und gedemütigt von seinen Gefühlen. Es wird dunkel…
Da drüben, – ein Rabe vor meinem Fenster, er guckt mich still an, legt den Kopf schief und schaut mit treuen dunklen Augen. Ich spüre Hoffnung, ich spüre Fürspruch. Warme Gefühle… Flügelschlagen – es ertönt ein Krächzen, still schaut er direkt in meine Augen, als wolle er sagen, alles wird gut, die Menschheit bemerkt… Eine Freudenträne kullert und ich lächel ihn an. Erneutes Flügelschlagen und er fliegt davon in den Abend. Die Welt, so wie wir sie kennen, erstickt, die Straßen werden leer. Ich zünde eine Kerze an. Nur aus meinem Zimmer leuchtet noch ein Licht, ihr Schleier scheint die ganze Welt zu umschließen…