Zum Hauptinhalt springen

Grüner Matcha, grober Asphalt (ein Cafébesuch aus der Sicht meines E-Bikes)

Ina Kitroschat-Vogt

Ich fahre Fahrrad,
mein Fahrrad fährt mich.
Ohne mein Fahrrad
führe ich nicht.

Mein Fahrrad fährt hierlang,
es fährt auch nach da.
Turbo an. Vierter Gang.
Wunderbar!

„Wunderbar….“, denke ich mir sarkastisch, als meine Besitzerin mich abstellt. Alleine stehe ich gelangweilt auf der anderen Seite der Straße und blicke die hohen Fenster des Cafés an, vor dem sie den Schlüssel umgedreht hat. Zunächst sind wir mit 20km/h im vierten Gang hierher gefahren. Das war spannend. Dann hat sie meinen treuen Akku entnommen. Und das, nachdem ich mit ihr über Asphaltstraßen und Kreuzungen gefahren bin. Drinnen gönnt sie sich einen Matcha Latte, der so strahlend grün ist wie ich es bin, während neben ihr ein fremder Hund liegt, der treudoof schaut, so wie ich von draußen hineinstarre. Mein Blick streift über Menschen mit Laptop, Rollstuhl, schicken Kuchen sowie Grünpflanzen. Hach, mit meinem ausgeschalteten Display ist mir so langweilig. Ich vermisse den Fahrtwind um meine Speichen. Ich vermisse, wie schnell meine Reifen über den Asphalt fahren können. Meine Fahrerin passt so gut zu meinem Sattel und zu meinem Rahmen. Ich dachte, wir sind ein eingespieltes Team. So schmolle ich also vor mich hin, während der Wind bläst und die Sonne scheint. Wir haben einen guten Tag zum Fahrradfahren erwischt. Wie lange muss ich noch auf die Weiterfahrt warten? Neben mir steht ein altes Klappfahrrad, das es nicht besser erwischt hat. Im Gegenzug zu ihm bin ich modern und voller Energie. Sein Quietschen erzählt mir, dass auch er seinen Halter vermisst. Sein Rost hingegen, dass er nicht mehr der Jüngste ist. Mein Blick kehrt zurück, als mir bewusst wird wie viel besser ich eigentlich bin so als E-Bike.

Da, im Café, sie rührt sich endlich und scheint nach ihrer Tasche zu greifen. Geld wechselt den Besitzer, und nach ein paar stummen Worten kommt sie heraus. Sie kommt in meine Richtung. Endlich. Ein Schlüssel klappert. Und sie beginnt mich aufzuschließen. Sie schiebt mich nach hinten und erweckt mein Display zum Leben. Es leuchtet auf. Der Akku gibt ein sattes Klackern von sich und fährt durch meinen Rahmen, als er endlich einrastet. Mein geliebter Akku. Mit dem Schwung ihres Beins setzt sie sich auf meinen Sattel und rollt ab. Es geht endlich weiter! Wir sind wieder ein Team. Wir sind wieder in Bewegung. Wunderbar!

Zeugin der Nacht (Silvester aus der Sicht einer Straßenlaterne)

Ina Kitroschat-Vogt

Seit über zehn Jahren stehe ich an der gleichen Stelle. Mein Metall glänzt, und auf meiner Haube liegt Schnee. Mein Licht lächelt die Passanten an, die unter mir ihre Sektgläser heben und nach oben schauen, wo bunte Blumen aus Feuerwerk den Nachthimmel erleuchten. Heute Nacht ist Silvester, und ich fühle mich wie ein Teil dieses Festes.

Als Straßenlaterne sehe ich Vieles: die Straße, an der meine Häuser stehen, Kinder, die ich ein Stück auf ihrem Weg begleite, Hunde und Katzen, deren Pfoten Abdrücke im Schnee hinterlassen. Ich höre Musik zwischen Stimmengewirr und den Böllern, die die Menschen in die Luft schießen. Auf meinem Boden liegt Dreck – Reste von Raketen, Scherben, Bechern – achtlos unter mich geworfen. Ich frage mich, warum die Menschen das immer wieder tun.

Eine Katze erschrickt, ein Hund bellt ängstlich, ein Kind weint in meiner Nähe. Die Feierei hat ihre Vor- und Nachteile, denke ich. Doch trotz allem fühle ich mich nützlich. Ich bin hier, um Licht zu spenden. Mein Schein bewahrt die Ruhe, und die Nacht wird durch mich für alle ein wenig heller.

Plötzlich lehnt sich ein Mensch an mich. Er wirkt betrunken, aber endlich ist da jemand, der mit mir redet. Er schaut zu mir auf und teilt seinen Kummer, seine Hoffnungen und seine Wünsche für das neue Jahr. Ich versuche, ein wenig heller zu scheinen. Der Fremde zündet sich eine Zigarette an und lässt den Stummel zu meinem Dank für das Gespräch achtlos unter mir liegen.

Langsam endet die Nacht. Die Menschen kehren nach Hause zurück, so wie sie es jedes Silvester tun. Um mich herum kehrt die Stille zurück – abgesehen von den Spuren, die bezeugen, dass ich heute Nacht ein stiller Zeuge des Festes geworden bin.