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Zeugin der Nacht (Silvester aus der Sicht einer Straßenlaterne)

Ina Kitroschat-Vogt

Seit über zehn Jahren stehe ich an der gleichen Stelle. Mein Metall glänzt, und auf meiner Haube liegt Schnee. Mein Licht lächelt die Passanten an, die unter mir ihre Sektgläser heben und nach oben schauen, wo bunte Blumen aus Feuerwerk den Nachthimmel erleuchten. Heute Nacht ist Silvester, und ich fühle mich wie ein Teil dieses Festes.

Als Straßenlaterne sehe ich Vieles: die Straße, an der meine Häuser stehen, Kinder, die ich ein Stück auf ihrem Weg begleite, Hunde und Katzen, deren Pfoten Abdrücke im Schnee hinterlassen. Ich höre Musik zwischen Stimmengewirr und den Böllern, die die Menschen in die Luft schießen. Auf meinem Boden liegt Dreck – Reste von Raketen, Scherben, Bechern – achtlos unter mich geworfen. Ich frage mich, warum die Menschen das immer wieder tun.

Eine Katze erschrickt, ein Hund bellt ängstlich, ein Kind weint in meiner Nähe. Die Feierei hat ihre Vor- und Nachteile, denke ich. Doch trotz allem fühle ich mich nützlich. Ich bin hier, um Licht zu spenden. Mein Schein bewahrt die Ruhe, und die Nacht wird durch mich für alle ein wenig heller.

Plötzlich lehnt sich ein Mensch an mich. Er wirkt betrunken, aber endlich ist da jemand, der mit mir redet. Er schaut zu mir auf und teilt seinen Kummer, seine Hoffnungen und seine Wünsche für das neue Jahr. Ich versuche, ein wenig heller zu scheinen. Der Fremde zündet sich eine Zigarette an und lässt den Stummel zu meinem Dank für das Gespräch achtlos unter mir liegen.

Langsam endet die Nacht. Die Menschen kehren nach Hause zurück, so wie sie es jedes Silvester tun. Um mich herum kehrt die Stille zurück – abgesehen von den Spuren, die bezeugen, dass ich heute Nacht ein stiller Zeuge des Festes geworden bin.

Unikat

Ina Kitroschat-Vogt

Er war schon immer einzigartig, ein Unikat unter Vielen. Ihn gab es nie zweimal. Alles an ihm wirkte mühelos. Kein Echo begleitete ihn. Sein Klang faszinierte, sein Gang war unbeschreiblich. Das bewunderte ich stets. Dann verschwand er. Tauchte unter. Ward nicht mehr gesehen. Jetzt sah ich viele wie ihn – mit seinen Haaren, seinen Augen, seiner Größe, seiner Stimme, seinem Gang und seinem Gesicht. Aber alle waren anders. Niemand war er. Ich begann ihn zu vermissen. Seine Einmaligkeit zu vermissen. Jetzt gab es alles mehrfach. Seine Haare, seine Augen, seine Größe, seine Stimme, seinen Gang und sein Gesicht. Und ich schrieb ein Gedicht darüber. Doch es machte mich nicht glücklich:

„Er war ein Unikat!
Ihn gab es nie zweifach.
Ich sah ihn noch lang –
Sein Gang, sein Klang, wie er war,
sein Schritt, sein Ton, sein Gesang.“