Sozialphobie (Angst hinter Stadtfenstern)

Ina Kitroschat

Der Himmel klart sich langsam auf. Hinter den Wolken erscheint ein Betonhauslachen, so groß und breit, dass ich mich frage, wen du wohl anlächelst aus deiner kleinen 2-Zimmer Wohnung. Seit Tagen hast du dein Fenster nicht geschlossen. Woran ich das erkenne? Ich sehe es nicht. Ich habe dich schon lang nicht mehr gesehen, aber du hascht nach jedem Atemzug, jedem frischen Luftstoß. Das weiß ich, denn du liebst offene Fenster aus dem die Morgenluft in deine Zimmer säuselt und dir die Freiheit schenkt, die du vor deiner Haustür nicht finden kannst. Weil da draußen in der Stadt dich niemand anlächelt. Noch kein Mensch hat dir dort die Hand gegeben, du kennst niemanden, dem du Hallo sagen kannst. Wenn die Autos an dir vorüber fahren, klingt das Rauschen der Räder wie aktzentfreies Chinesisch, das auf dem abgelegenen Land gesprochen wird, hinter den Bergen bei den letzten Barden, die von den belanglosen Dingen einer großen Stadt singen in der du dich so schrecklich fürchtest.
Du wolltest noch nie nach China reisen! Dich zog es schon immer nach Berlin!
Und da sitzt du jetzt hinter feixenden Mauern und sehnst dich nach kühlen Frischluftbrisen, die sich phasenweise auf dich legen um deine Stirn mit einer Berührung zu benetzen. Sie würden liebevoll auf dir liegen als wollten sie dich mit mütterlich-rauen Fingern berühren. Und du fragst dich stets, warum du nichts spürt, wenn du doch nur das Fenster neigst? Wie passt eine Berührung durch ein Fenster, wenn es nicht einmal für ein Nicken und ein Lächeln reicht? Nicken und Lächeln kann man an Orten, an denen sich keine Fenster und Türen befinden. Nur draußen grüßt der Wind dich rau. Nur draußen ist der Wind Berliner. Berliner ist er zumindest manchmal. Und ich beobachte dich von China aus und schüttle ungläubig meinen Kopf. Während der Wind versucht dich durch dein Fenster zu grüßen, versteckst du dich vor seinem rau-milden Lächeln.

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